1991
: Das libanesische Parlament beschließt ein Amnestiegesetz
für alle während des Bürgerkriegs begangenen Verbrechen
(es ist bereits das zweite seit der Unabhängigkeit Libanons
1943, das erste datiert aus dem Jahr 1958).
1992
: Die Aktiengesellschaft Solidere erhält den Auftrag, das
im Krieg zerstörte Zentrum von Beirut wieder aufzubauen.
Die
Absicht
des Amnestiegesetzes war
eindeutig: Allen Verbrechen wurde die Absolution erteilt.
Die Neuformierung der blutig gespaltenen Gesellschaft sollte
nicht durch Auseinandersetzungen über Schuld und Unschuld
gestört werden. Und auch der öffentliche Diskurs über Bürgerkrieg,
Massaker, Kollaboration und Verrat wurde unterdrückt.
Ein
Jahr später folgte die Aktiengesellschaft Solidere der Logik
und Philosophie des Amnestiegesetzes: Anstatt zu restaurieren,
wurde abgerissen, anstatt wieder aufzubauen, wurde gesprengt.
Zu
der Gesellschaft ohne Gedächtnis sollte sich eine Stadt
ohne Gedächtnis gesellen.
Doch das Konzept geht nicht
auf. Wegen der hohen Mieten bleiben die meisten Neubauten
unbewohnt, noch immer verschaffen sich Ruinen aus dem Bürgerkrieg
Respekt und verstellen das Bild von der gedächtnislosen
neuen Welt.
Heute,
mehr als ein Jahrzehnt später, ist der Libanon zweifach
um seine jüngste Geschichte betrogen worden. Das Amnestiegesetz
verneint jegliches Konzept von Verantwortung, das neue Zentrum
hat seinen ehemaligen symbolischen Charakter als multikonfessionellen
und kosmopolitischen Treffpunkt verloren. Und: Erinnern
ist tabu.